Eine Yoga-Übung für ein Schattenkind
Nicht gewollt sein

Nun möchte ich dir die Bekanntschaft mit einer wichtigen Tiefenyoga-Übung machen.

Ich habe sie aus dem Buch von Regina Weiser entnommen und für Lukas "zugeschnitten". (Wie ich es für jeden Klienten individuell zuschneide.)

Die Lebensgeschichte von Lukas ist voller Enttäuschung, Verzweiflung, Zweifel und Verlustangst. Die Mutter hatte ihn kurz nach der Geburt weggegeben. Er war in Kinderheimen, bei verschiedenen Pflegeeltern und er hat einige gescheiterte Beziehungen hinter sich. Er lebt augenblicklich alleine und will sich auf keine Beziehung mehr einlassen. Er schütz sich, indem er seine Gefühle hinter einem dicken Panzer verschließt. Es gäbe so viel zu Weinen in seinem Leben aber Lukas kann sich nicht erinnern, schon einmal geweint zu haben.

Mit Lukas arbeite ich schon länger. Dieses Mal möchte ich mit ihm diese besondere Yoga-Übung machen.

Es gibt im Yoga eine Übung, die heißt Ardha Matsyendrasana, was so viel heißt wie halber Drehsitz. Physiologisch verhindert diese Übung eine Versteifung und Abnutzung der Wirbelsäule durch die axiale Rotation. Vorausgesetzt man ist wirklich in aufrechter Wirbelsäulenhaltung.

Die Übung zum Mitmachen
Ich beschreibe diese therapeutische Yoga-Asana so, dass du sie gleich selber mitmachen kannst, also in einer sehr vereinfachten Form. Dazu brauchst du natürlich ein Thema. Vielleicht ein vergangener, noch nicht ganz geheilter Schmerz und als "Gegenstück" vielleicht ein beglückendes Erlebnis oder etwas, wofür du dankbar bist.

Für Lukas stellte ich zwei Symbole auf: eins für sein "von der Mutter weggeben" und ein Symbol für etwas erbauliches, etwas, an das er immer wieder gerne denkt – die Geburt seines einzigen Kindes, ein Sohn, bei der er zugegen war. (Lukas hat inzwischen guten Kontakt zu seinem Sohn.) Das Symbol für die schlimme Erfahrung – eine Schale - stelle ich auf seine rechte Seite. Für das Ressourcen-Symbol setze ich auf die linke Seite einen kleinen Stoffbären, der so alt ist, wie sein Sohn.

Wenn du diese Übung machst, suche dir ebenfalls Symbole für deine ambivalenten Teile.

Auch Regina Weiser empfiehlt eine Schale für Traurigkeit, worin die geweinten oder noch nicht geweinten Tränen aufgefangen werden. Für die aufbauende Seite eignen sich besonders Bilder, Fotos, Blumen, Kerzen oder etwas, was dich an etwas Schönes erinnert.

Die Symbole werden in einer geraden Linie im Abstand von etwa eineinhalb Metern links und rechts vom Sitzplatz gelegt.

Du setzt dich also aufrecht auf den Boden und konzentrierst dich ganz auf deine Achse, deine Wirbelsäule. (Das kann auch im Schneidersitz sein.)

Die Wirbelsäule bildet dabei eine gerade Linie zwischen Anus und Scheitel oder anders betrachtet, zwischen Erde und Himmel.

Dann winkelst du dein linkes Bein so an, dass es den rechten Oberschenkel berührt. Der rechte Fuß wird über das linke Knie gestellt und berührt mit dem rechten Außenknöchel den linken Oberschenkel.

Die linke Hand hält das rechte Knie, welches aufrecht steht und die rechte Hand liegt hinter dem Rücken, die Handfläche nach außen.

Jetzt beginnst du, dich sehr langsam bei jedem Ausatmen mit deinem Oberkörper ein kleines bisschen mehr nach rechts zu drehen.

Dabei ziehst du das aufrecht stehende Knie leicht nach links, zum Körper, öffnest deine rechte Schulter nach hinten und nimmst deinen Kopf, den Oberkörper und die Blickrichtung mit nach rechts. Du drehst dich beim Ausatmen so lange, bis du an deine persönliche Drehgrenze gekommen bist. Jetzt kommst du in Verbindung mit dem Symbol der Trauer oder des Schmerzes, welches du dir vorher auf diese Seite gelegt hast. Du bleibst in Blickkontakt mit dieser Seite, mit diesem Gegenstand, während du ruhig weiteratmest.

Vielleicht kommen dir Erinnerungen und Bilder steigen in dir auf oder du wirst traurig oder andere Gefühle und Empfindungen machen sich bemerkbar. Nimm alles wahr und halte diesen Zustand ein bis zwei Minuten, während du gleichzeitig die diagonale Muskelspannung deines Körpers spürst.

Nun gehe mit deinem Oberkörper wieder zu deiner Mitte und spüre nach, wie es eben war, wie es dir ergangen ist auf der rechten Seite. Du blickst sozusagen von deiner Autonomie- Ebene aus und beobachtest dich von einem höheren Ich oder Selbst. (Bild S. 69)

Nach einer Weile des Spürens in deiner Mitte, drehst du dich nun wieder mit deinem Ausatmen mit deinem ganzen Oberkörper zur anderen Seite, zur beglückenden oder anders ausgedrückt, zur Ressourcen- Seite. Dabei gehst du wie oben vor, nur eben umgekehrt. Du winkelst also den rechten Fuß an, schlägst das linke Bein darüber, die rechte Hand umfasst das linke Knie und die linke Hand ist hinter dem Rücken. Du atmest sehr bewusst aus und drehst dich mit jedem Ausatmen etwas mehr nach links.

Auch hier bleibst du in Kontakt mit deinem Gegenstand, den du für etwas Aufbauendes und Erfreuliches in deinem Leben dort hingelegt hast. Lasse hier ebenso wieder alle Erinnerungen, Bilder und Gefühle in dir aufsteigen. Vielleicht kannst du auch dein Körperempfinden wahrnehmen.

Von dieser Position bewegst du dich mit deinem Atem nun zur Mitte und erlaube dir ein wenig nachzuspüren. Ich empfehle dir, diese Übung zwei- bis dreimal zu jeder Seite auszuführen. Wichtig ist dabei, dass die letzte Drehung immer zur Ressourcenseite geschieht und nie auf der schmerzhaften oder unangenehmen Seite aufhört.

Erklärung

Bei dieser Übung, ich betrachte sie als die Königsübung des therapeutischen oder Tiefenyogas, gestalten wir unser "Schicksal" selbst. Wir wenden uns einer Wunde (Schattenkind) zu, bleiben in Kontakt, spüren genau nach, was bei uns im Innern geschieht, indem wir pendeln zwischen dem Repräsentanten unserer Wunde und dem anderen, dem lichtvollen, beglückenden Teil in unserem Leben. In der Mitte können wir in unsere Autonomie wahrnehmen.

Durch das Hinschauen und Dableiben würdigen wir den schmerzlichen Teil, das Schattenkind, welches ja immer ein Teil von uns sein wird. Wir laden also für einen Moment das ein, was wir bisher nicht haben oder anschauen wollten. Nicht "es" macht mit uns etwas, sondern wir bestimmen den Zeitpunkt der Trauer, des Schmerzes, der Sehnsucht, des Ekels oder was auch immer auf dieser Seite in Form eines Symbols steht.

Die Ressourcen-Seite lässt unseren Körper mit anderen Energien durchströmen, die einen heilsamen Effekt haben.

Wir machen also mit dieser Yogaübung etwas im Äußeren und bewirken im Inneren erwünschte Veränderungen.

Wenn du dieses Yoga-Ritual immer wieder mal machst, ist es für den Heilungsprozess wirksamer und nachhaltiger.