Schattenkinder

Es sind innere (Persönlichkeits-)Anteile, die oft ein Schattendasein in uns führen. Es sind entweder die abgelehnten oder/und ungeliebten oder/und unerkannten Teile in uns. Schattenkinder nenne ich unsere eigenen, inneren verletzten und/oder abgespaltenen Kinder oder die Kinder, die ihre Bedürfnisse verdrängt oder vergessen haben oder noch gar nicht wissen, was ihre wirklichen Bedürfnisse sind.

Auf Bedürfnisse gehe ich in einem späteren Kapitel noch ausführlich ein.

Noch eine interessante Beobachtung: Oft verhalten sich unsere eigenen Kinder so, wie sich unsere inneren Schattenkinder verhalten. Sie, unsere Kinder, sind dann Symptomträger für unsere inneren Anteile und wir haben dann lebendige Parameter vor uns, die uns in die richtige Richtung weisen (wenn wir dabei auf uns selbst schauen). Leider wird das oft nicht so deutlich erkannt und Eltern gehen dann mit diesen Kindern zur Erziehungsberatung oder zum Kinder- und Jugendtherapeuten und fordern: "Machen Sie bitte, dass unser Kind wieder richtig funktioniert". Oder der Arzt empfiehlt den Eltern für diese Kinder Ritalin.

Kinder, die Symptomträger für das Familiensystem sind, tun diesen "Dienst" natürlich nicht nur für unsere inneren Anteile, sondern auch für die Geschehnisse im Außen, besonders für das, was zwischen den Eltern passiert. Kinder werden oft auffällig, wenn es zwischen den Eltern nicht mehr richtig stimmt.

Zum Beispiel ein Partner hat eine Außenbeziehung, die die eigene Ehe gefährdet, weil vielleicht größere Verliebtheit mit im Spiel ist. Der andere Partner hat das womöglich noch gar nicht mitbekommen, auch das Kind nicht. Und doch beginnt es vielleicht andere Kinder zu schlagen, zeigt schlechtere Leistungen in der Schule, verweigert das Essen oder wird immer auffälliger. Bei manchen Kindern kommen diese Ahnungen in Form von Dämonenträumen. Sie spüren irgendwie, dass etwas Unheilvolles heraufzieht und das verkörpert sich dann in Schreckgestalten in Träumen.

Dieses Verhalten wird meistens noch stärker, wenn die Kinder mitbekommen oder innerlich spüren, dass die Eltern sich trennen wollen.

Unsere Kinder sind wie feine Seismographen, die uns anzeigen, was in der Erwachsenenwelt nicht stimmt oder aus der Ordnung geraten ist.

Nach meinen Beobachtungen können wir an dem Verhalten unserer Jugend auch ablesen, was in unserer Gesellschaft nicht stimmt. Wenn sie zerstören, brutale Kriegsspiele am Computer machen, harte Drogen nehmen oder sonst wie kriminell werden, halten sie uns Erwachsenen eigentlich nur einen Spiegel vor, der uns zeigt, wie kaputt wir selber sind, wie verlogen und korrupt unser System ist und wie wenig integer wir wirklich sind.

Nun zu unseren inneren Kindern, den Schattenkindern. Es sind im Wesentlichen Teile in uns, die wir loswerden wollen. In erster Linie Ängste, wie Versagensangst, Verlassenheitsangst, Todesangst, Angst vor Einsamkeit, Angst vor Krankheiten, Angst ausgelacht, abgelehnt oder verlassen zu werden.

Auch sind es Zweifel, Aggressionen, Hass, eigenes Gewaltpotential, Schuldgefühle, Ekel, usw.

Wenn wir diese Schattenkinder loswerden wollen, wenn wir Alkohol trinken oder Tabletten nehmen, um sie nicht mehr zu spüren, dann verhalten sich diese Gefühle wie richtige Kinder. Sie klammern sich mehr und mehr an uns, denn sie gehören zu uns, sind ein Teil von uns und wollen nicht weggeschickt werden oder gar sterben. Ganz im Gegenteil, sie wollen ausgehalten und liebevoll angesehen, gewürdigt und anerkannt werden. Sie wollen leben. Sie wollen aus dem Keller, dem Verließ, geholt werden.

In der buddhistischen Psychologie bin ich auf ein Buch gestoßen, welches ich empfehlen kann. Es heißt: "Den Dämonen Nahrung geben." von Tsültrim Allione. Hier werden die Schatten, sprich Dämonen nicht bekämpft, sondern man kommt mit ihnen in Kontakt und fragt sie nach ihren Bedürfnissen. Der heilsame Weg besteht also nicht darin, den Dämonen zu töten, sondern ihn letztendlich zum Verbündeten zu machen.

C. G. Jung drückt das mit bedeutenden Worten so aus:

"Man wird nicht dadurch erleuchtet, dass man
sich Lichtgestalten vorstellt, sondern dadurch,
dass man sich das eigene Dunkel bewusst macht."

Rilke schreibt zu diesem Thema in "Briefe an einen jungen Dichter":

"Vielleicht ist alles Schreckliche im tiefsten Grunde
das Hilflose, das von uns Hilfe will."

Aus dieser Erkenntnis und Erfahrung heraus habe ich versucht, andere Wege zu gehen als zu eliminieren, zu sezieren, wegzumachen, auszulöschen. Von diesem, meinem Weg, meinem Verständnis von Therapie möchte ich dir auch in diesem Buch berichten.