Vorwort von Regina Weiser

Es freut und ehrt mich, für das Buch von Borwin Beer ein Vorwort zu schreiben. Das Buch eröffnet nicht nur Einblicke und Griffe in einen großen, erfahrungsgesättigten Handwerkskoffer, sondern offenbart gleichzeitig auch die Einfühlungsfähigkeit des Autors, der mit viel Kreativität und Einfallsreichtum in immer wieder neuen Situationen oftmals überraschend sich Etwas einfallen lässt. So können Therapeuten als auch Klienten gleichermaßen profitieren. Therapeuten finden Ideen, wie man in manchmal ausweglos erscheinenden Situationen noch neue Wege finden kann. Und Klienten können durch Beschreibung der unterschiedlichen Ansätze wieder Hoffnung schöpfen. Dass jegliches Wachstum jedoch auch Zeit und Geduld braucht, wird zwischen den Zeilen ebenfalls deutlich.

Das Buch erscheint zur richtigen Zeit. Um dies zu begründen, muss ich etwas ausholen: Die Studentenbewegung der 68iger Jahre hatte es sich auf die Fahnen geschrieben, verkrustete Strukturen, Denkgewohnheiten und Traditionen aufzubrechen. Und so war es gut, dass über die Unauflöslichkeit der Ehe wie sie von der katholischen Kirche über Jahrhunderte verordnet wurde und in deren Namen viel Ungutes erduldet werden musste, neu nachgedacht werden konnte. Wie so oft in der Geschichte musste nun der Pendelschlag erst mal in die entgegengesetzte Richtung ausschlagen.

Auch psychotherapeutische Methoden sind vom Zeitgeist und der herrschenden Mode geprägt. So war es zu dieser Zeit üblich, dass Psychotherapeuten ihren Patienten bei der Befreiung von sogenannten "Über-Ich-Geboten" geholfen haben: Sie durften und sollten sich endlich auf das Recht zur Selbst-Verwirklichung und zur Selbst-Bestimmung besinnen. Das Aufsuchen eines Therapeuten hatte zu dieser Zeit oft eine Scheidung zur Folge.

Es dauerte bis in die Neunziger Jahre, bis erkannt wurde, dass eine Trennung oder Scheidung nicht automatisch oder zwangsläufig zum Glück führt. Das Bedürfnis nach Bindung, Verlässlichkeit, Vertrauen und Intimität bleibt in den zunehmenden Single-Haushalten oft auf der Strecke. Auch hat die Hirnforschung der letzten Jahre deutlich gemacht, dass wir biologisch auf Zusammenarbeit und Verbindung gepolt sind (Joachim Bauer, Gerald Hüther). Statistiken belegen, dass zusammen lebende oder verheiratete Paare nicht nur länger leben, sondern auch im Durchschnitt glücklicher sind als Alleinlebende. Dass der Wunsch nach Zusammenleben und Verbindung in den letzten Jahren stärker geworden ist, mag natürlich auch durch die vielen, sich atmosphärisch breit machenden Bedrohungen (Finanzkrise, Krieg, Arbeitslosigkeit, Altersarmut etc.) mitbegründet sein. So dass man heute bei Kongressen über Paartherapie stets die Berücksichtigung der beiden Pole betont: Der Wunsch nach Gemeinsamkeit ist genauso wichtig wie das Bedürfnis nach Individualität und Eigenleben.

Aber wie geht man damit um, wenn der Partner, die Partnerin immer wieder die eigenen wunden Punkte berührt? Bei Paaren, die mit Konflikten konstruktiv umgehen können, ist der Wunsch nach Trennung in der Regel gering. Und die Bezeichnung "Paar" lässt sich hier auch auf Zweier-Beziehungen im erweiterten Sinne übertragen. So kann man z.B. in beruflichen Zusammenhängen oftmals beobachten, wie der Chef mit (nur) einem ganz speziellen Mitarbeiter immer wieder an der gleichen Stelle einen Konflikt austrägt. Oder wie der Vater, die Mutter nur mit einem Kind immer wieder "zusammengerät".

Hier setzt das Buch von Borwin Beer an und gibt eine spannende und schlüssige Antwort: Die wunden Punkte, die sich in intimen Beziehungen zeigen, rufen nach Erlösung. Sie wollen gesehen, erlöst und geheilt werden. "Endlich!", rufen sie "endlich ist in meiner Nähe ein Mensch, der Liebe verspricht. Alleine hat es der Herr, die Frau des Hauses, in dem ich wohne, nicht geschafft, aber zu zweit hat man mehr Kraft und vielleicht gelingt es, in dieser Zweisamkeit mich anzunehmen, wie ich bin, und somit zu heilen." Wer kennt nicht das alte Märchen-Motiv, wo ein verzauberter König, eine verwunschene Prinzessin nur durch die bedingungslose Liebe erlöst werden kann. Und die Probe ist schwer, sie wird von Nacht zu Nacht härter und schon viele Bewerber sind daran gescheitert.

Es ist ein großes Glück, wenn in einer Paarbeziehung jeder des anderen "Therapeut" sein kann. Und "Therapeut sein" meint hier die liebevolle Präsenz in der Kommunikation, so wie sie von Lukas Möller in seinem noch immer aktuellen, wunderbaren Klassiker "Die Wahrheit beginnt zu zweit" beschrieben wird. Jedes Kind, und ganz besonders unser "Schattenkind" braucht zur Geburt zwei Elternteile. Innerpsychisch könnten wir ihnen z.B. die beiden Namen "liebevolle Annahme" und "achtsame Distanz" geben. So hat jede Beziehung – egal ob die intime Paarbeziehung, die Mutter-Kind-Beziehung oder die zwischen Therapeut und Klient – eine schöpferisch gebärende Qualität, wie es in dem Gedicht von Hilde Domin beschrieben wird:

"Es gibt Dich, wo Augen Dich ansehen,
wo Augen sich treffen, entstehst Du.
Du fielest, aber Du fällst nicht,
Augen fangen Dich auf.
Es gibt Dich, weil Augen Dich wollen,
Dich ansehen und sagen, dass es Dich gibt."

Sind die beiden Qualitäten – Liebe und Distanz – bereits in einer Person als Fähigkeiten vorhanden, kann das Kind, der innere Anteil, aus seinem Schatten treten. Es braucht dann keinen Therapeuten. Ein "Schattenkind" ist jedoch durch eine vergangene Ablehnung gezwungen worden, in das Verlies, den Keller, die Dunkelheit abzuwandern. Dass es noch immer im Dunklen weilt, zeigt, dass sein Besitzer aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, es zu befreien. Der Schatten hat seinen Ursprung in einer Verdrängung und kann daher nur durch liebevolle Annahme geheilt werden.

Oft ist der Partner jedoch damit überfordert und dann ist ein einfühlsamer und kreativer Therapeut – wie z.B. Borwin Beer – gefragt. Die Aufgabe, liebevoll präsent bei den Verletzungen der Partnerin oder des Partners zu bleiben, ist eine Zeitnotwendigkeit, die erst gelernt werden will. Dass diese Lernaufgabe jedoch lohnend ist, wird beim Lesen des Buchs von Borwin Beer deutlich. Nach der Integration des Schattenkindes werden die Beteiligten durch befreiende Glücksgefühle belohnt, sie sind reicher geworden, da von nun an die positiv schöpferisches Qualität des Kindes leben kann. Dass auch beim Geburtshelfer Glückshormone ausgeschüttet werden, hört man von vielen Ärzten und Hebammen. Es macht den therapeutischen Beruf zu einem so wunderbaren Beruf.

Therapeuten haben es in langer Ausbildung geübt und haben es außerdem insofern leichter, weil die therapeutische Distanz dafür sorgt, dass die verletzungsbedingten Einschränkungen des Patienten nicht das eigene Leben berühren.

(Dipl. Psych. Regina Weiser)

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